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Leichtathletik - Dr. med. Heike Piotrowski ist Orthopädin und Läuferin – Beim Thema Schmerzmittel ist sie im Zwiespalt
von Annika Schmidt

Dr. Heike Piotrowski ist Läuferinbei der LG Har- lingerland.  ARCHIVBILD: Timon Schneider
Dr. Heike Piotrowski ist Läuferinbei der LG Har- lingerland. ARCHIVBILD: Timon Schneider

Ibuprofen und Co. sind nicht nur Themen im Amateurfußball, sondern auch in der Leichtathletik, weiß die Schortenserin.

SCHORTENS. Einen Marathon zu laufen und das womöglich auch mit einem bestimmten Zeitziel, ist mit viel Aufwand und Training verbunden. Über mindestens drei Monate sollte ein Sportler trainieren, um gut auf die 42,195 Kilometer lange Strecke vorbereitet zu sein. Läufe von bis zu 30 oder 35 Kilometern stehen in Mustertrainingsplänen, zusätzlich zu weiteren Laufeinheiten von zehn bis 15 Kilometern Länge und nicht zu vergessen, die Tempoeinheiten auf der Bahn. Das Training für solch einen Wettkampf verlangt viel aber vor allem Zeit, Disziplin und Durchhaltevermögen. Sich in der Woche vor einem Wettkampf zu verletzen, ist für die meisten Athleten eine Horrorvorstellung. Monatelanges Training ist mit einem Schlag dahin, ein Traum zerplatzt. Dass an dieser Stelle der Gedanke an die Einnahme von Schmerzmitteln aufkommt, um den geplanten Lauf doch noch durchziehen zu können, wirkt beinahe verständlich – aber auch nur beinahe. Dr. med. Heike Piotrowski ist Orthopädin und gleichzeitig erfolgreiche Hobbyläuferin. Sie weiß, dass manche Läufer im Amateurbereich Schmerzmittel nehmen.

„Auch im Laufsport hört man das immer wieder. Die Leute sind oft zu ehrgeizig und wollen unbedingt bei einem Wettkampf starten“, erklärt sie. Falscher Ehrgeiz sei hier jedoch fehl am Platz und definitiv gesundheitsschädlich. „Ich rate da als Ärztin ganz klar von ab. Schmerzen sind Warnhinweise des Körpers und Schmerzmittel unterdrücken diese. Das verleitet dazu, Bewegungen zu machen, die man sonst nicht machen würde“, stellt Piotrowski klar. Sie selbst habe noch nie zu Schmerzmitteln für einen Wettkampf oder Training gegriffen und hatte das Glück, bis auf einen Ermüdungsbruch auch noch nie verletzt gewesen zu sein.

 

Wie gefährlich die Einnahme von Schmerzmittel beim Sport ist, zeigt eine Recherche der ARD Dopingredaktion in Zusammenarbeit mit CORRECTIV zum Thema Schmerzmittelmissbrauch im Fußball. Dort berichten Profifußballer wie Neven Subotic über einen Konsum von Ibuprofen und Co., der mit dem von Smarties vergleichbar sei. Auch aus dem Amateurbereich meldeten sich Spieler und schilderten ihre Erlebnisse. Einer berichtete davon, dass er nach einem Spiel Blut spuckte. Es ist ein riskantes Spiel mit der Gesundheit und das, obwohl der Sport zu etwas anderem da sein sollte.

Piotrowski läuft zur Gesunderhaltung ihres Körpers, um fit und vital zu bleiben, daher widerspricht die Einnahme von Schmerzmitteln zum Sport für sie auch dem Sinn des Ganzen. Doch sie weiß auch, dass der Sport, insbesondere das Laufen, für viele Hobbysportler eine Art Sucht geworden ist, die zum Alltag gehört. Ab diesem Punkt verletzungsbedingt auszufallen, ist für solche Sportler ein Alptraum. Daher ist die Ärztin und Läuferin beim Thema Schmerzmittel manchmal zwiegespalten. „Als Ärztin rate ich ganz klar von der Einnahme von Schmerzmitteln, um Sport zu treiben ab. Als Läuferin, die ich ja auch bin, höre ich natürlich auch mal von der Einnahme von solchen Mitteln und kann die Gründe auch teilweise verstehen“, erzählt die Ossiloop-Siegerin von 2015.

Das mangelnde Wissen über Nebenwirkungen und der eigens entwickelte Druck führen oftmals zum Griff in den Medikamentenschrank. „Ab wann die Einnahme von Schmerzmitteln ungesund wird, vor allem in Bezug auf Sport, da gibt es keine genaue Zahl. Und genau das ist das Problem. Es ist ein fließender Übergang“, betont die Schortenserin. Im Zusammenhang mit der Einnahme von Ibuprofen oder Voltaren stellt sie jedoch auch klar, dass eine gänzliche Schmerzlinderung bei einer starken Verletzung, wie einem Bänderiss, auf Dauer nicht möglich ist. „Es geht bei der Einnahme nicht bis ins Unendliche. Einen sehr starken Schmerz nehmen solche Tabletten nicht.“ Piotrowski selbst kennt bislang keine Läufer in ihrem Umfeld, die Schmerzmittel missbräuchlich bzw. regelmäßig zum Sporttreiben verwenden. Ganz ausschließen, dass es solch einen Missbrauch auch in großem Stile im Laufsport gibt, mag sie aber nicht. Für Heike Piotrowski steht jedoch eins ganz klar fest: „Entweder man ist schmerzfrei und läuft oder man hat Schmerzen und läuft nicht.“

aus "Anzeiger für Harlingerland" vom 15.06.2020