Verrückte Katzen, Teufel und vieles mehr
Dritte ostfriesische Turnschau beeindruckt mit Mischung aus Show, Breiten- und Leistungssport / 2000 Besucher in Aurich / Vom amtierenden Trampolin-Weltmeister bis hin zu regionalen Künstlern war alles dabei.
von Silke Meyer
Aurich – Turnen können, ein paar Ideen haben, sie nett in Kostüme verpacken – diese Mischung begeisterte am Sonnabend 2000 Zuschauer, die zur dritten ostfriesischen Turnshow in die Auricher Sparkassen-Arena gekommen waren. Organisiert wurde sie vom Ostfriesischen Turn- und Sportförderverein.
Aktive aus vielen ostfriesischen Turnvereinen präsentierten sich. Sie waren im dreieinhalbstündigen Programm genau so Stars wie die „Profis“, die schon überregional im Show- und Wettkampf-Rampenlicht gestanden haben. Allen voran der Trampolin-Weltmeister von 2003, Bronzemedaillengewinner der Olympischen Spiele 2004, und 37-fache Deutsche Meister Hendrik Stehlik aus Salzgitter, der in seinem ersten Auftritt im Sportler-Dress grundlegende Sprünge zeigte. Fachmännisch begleitet von Moderator Andreas Aguilar, der allein durch das Programm führen musste. Sein Partner, Niels Weberling, hatte um 12 Uhr absagen müssen. Schneechaos auf der Autobahn bei Hannover. Ein querstehender LKW. Nichts ging mehr.
Doppel-Salto mit Schraube
Stehlik hatte Glück gehabt. War gerade noch so durchgekommen. Im zweiten Auftritt präsentierte er sich dann in schwarzer Jeans, weißem Hemd mit Weste und grün glitzernder Fliege, ganz Gala entsprechend, und zeigte eine Kür zur jazzmäßig interpretierten Musik von Johann Sebastian Bach. Unter erschwerten Bedingungen. Denn das Trampolin entsprach nicht den Richtlinien des Wettkampfsports. Doppel-Salti mit Schrauben dann noch unter den Lichtverhältnissen, die aber gerade die Atmosphäre ausmachten, zu zeigen, das verlangte selbst dem Moderator allerhöchsten Respekt ab.
Stehlik ist Student der Politik und Literatur. Und Hochleistungssportler. „Abstriche möchte ich eigentlich nirgendwo machen“, versucht er beides zu vereinbaren. „Im Augenblick sitze ich viel am Schreibtisch.“ Da bleiben für das tägliche Training nur zwei, drei Stunden. Das wird sich aber bald ändern. Ende April sind in Bulgarien die Europameisterschaften. Und da möchte Stehlik schon gern dabei sein. „Die Qualifikation dafür beginnt in 14 Tagen.“ Und dann trainiert Stehlik nicht mehr 15, sondern 25 Stunden die Woche.
Lichtspiele im Dunkeln
Herausragende leuchtende Akzente setzte das Duo „Pakeha“ aus Hannover mit seinen Lichtjonglagen in der stockdunklen Arena. Pakeha: so bezeichneten die Ureinwohner Neuseelands, die Maoris, die ersten europäischen Siedler in ihrem Land. Eigentlich hantieren die Pakehas mit richtigem Feuer. In geschlossenen Räumen arbeiten sie mit LED-Licht, dass sie sich in den USA besorgen. Das Duo bot ein echtes Lichtspektakel. Mit Balljonglagen, mit Bällen an Ketten, die es schwungvoll kreisen ließ und Farbeffekte wie bei einer Karussellfahrt im Dunkeln erzeugten.
Anders, aber nicht weniger kunstvoll arrangiert waren die Vorführungen der Turnakrobaten aus Oldenburg. Der
Young Power Generation, den Crazy Cats. So wild fauchend, mit herausgefahrenen Krallen, aber ebenso biegsam und schmiegsam zeigten sie sich auch als verrückte Katzen.
Und der New Power Generation, die schon beim bundesweit bekannten Feuerwerk der Turnkunst für Furore gesorgt hat. In der Auricher Arena bekam das Publikum eine Premiere zu sehen: das „Rendezvous mit dem Teufel“. Die quadratische Bodenfläche mit einem roten Netz ausgelegt. Die Akrobatinnen in roten Glitzer-Trikots und schwarzen Kapuzen-Netzanzügen, ganz in Taucher-Montur, mit feuerroten Teufels-Händen. Verschrumpelte lange Enden, die mit jeder Bewegung an ein Bund Möhren erinnerten, das durch die Luft geschwenkt wird. Einfach beeindruckend. Und Aguilar war sich nach der Präsentation ganz sicher, dass die Oldenburger „mit dieser Darbietung viel Erfolg haben werden.“
Und dann waren da noch die Battle Apps aus Hannover, die Breakdancer. die sich 2003 gegründet haben und mit ihren Drehungen auf Schultern, Kopf, ihren verknoteten Beinen immer wieder Szenenapplaus von den Zuschauern bekamen.
Turnende Mönche
Eine Menge Beifall gab es aber auch für die vielen kleinen und großen Künstler aus Ostfriesland, die einen Einblick in die Vielfalt des Turnens gaben: Die Rope-Skipper des TV Leer, die die Älteren im Publikum an deren Kindheit erinnerten. Als sie auf der Straße selbst Seil gesprungen sind oder zu zweit ein langes Tau geschwungen haben, in das andere dann einlaufen mussten. Alte Kinderspiele poppig verpackt, das kam an. Oder auch die Minitrampolinspringer des MTV Wittmund, die in ihre Sprungreihe einen Turntisch eingebaut hatten, den es nur noch in alten Hallen gibt und zu „Sister act“ als Nonnen und Mönch turnten sowie die Turner des MTV Aurich am Hochreck und die des MTV Wittmund am Barren wurden ebenfalls von den Zuschauern bejubelt.
Das Finale, in dem sich alle Aktiven noch einmal gemeinsam präsentierten, zeigte dann, was den Reiz der Veranstaltung ausgemacht hatte: die gelungene Mischung aus Show, Breiten- und Leistungssport.